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Die Kovive-Weihnachtsgeschichte 2025

Auch dieses Jahr gibt es von Kovive eine berührende Geschichte für Jung und Alt. Erlebe magische Momente beim (Vor-)Lesen und tauche ein in die Welt von Hannah und Frederik.

Ein Lichtblick für Hannah

 

Hallo, ich bin Frederik. Ich bin neun Jahre alt und habe eine beste Freundin. Sie heisst Hannah. Ich kenne Hannah, seit ich auf der Welt bin und wir gehen in die gleiche Schule.

Hannah hat bis vor einem Jahr am anderen Ende meiner Strasse gewohnt. Aber jetzt wohnt sie nicht mehr bei ihren Eltern und deswegen auch nicht mehr hier.

Meine Mama hat mir erklärt, dass sich Hannahs Eltern gestritten haben und ihr Papa deswegen weit weggezogen ist. Hannah hat mir einmal gesagt, sie glaube, ihr Papa sei weg, weil sie ihm mal Konfetti in die Schuhe gestreut habe. Er sei ganz böse geworden. Aber ich glaube, das ist Quatsch. Sonst wäre mein Papa auch schon längst ausgezogen – so oft wie ich ihm Streiche spiele.

Seit Hannahs Papa ausgezogen ist, geht es ihrer Mama ganz schlecht. Sie hat so eine Krankheit, mit der man sich immer ganz mies fühlt. So wie wenn man jetzt im Winter überhaupt nicht aus dem Bett und in die Schule will – nur noch viel, viel schlimmer. Jedenfalls kann Hannah deshalb nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen und lebt jetzt im Kinderheim. Zum Glück ist das Heim nicht weit weg von hier und Hannah und ich können uns immer noch zum Spielen treffen.

 

 

Seit Hannah im Heim lebt, ist sie oft sehr traurig. Das kann ich verstehen. Ich habe manchmal auch Angst, dass ich nicht mehr bei meinen Eltern wohnen kann. Aber meine Mama meint, dass das nie passieren wird.

In der Schule schreiben Hannah und ich uns manchmal Zettelchen hin und her. Auch heute hat mir Hannah etwas geschrieben: „Ich will dir etwas erzählen. Ich habe etwas geträumt.“

In der Pause frage ich Hannah: «Erzähl von deinem Traum?“ – „Ich habe von einer leuchtenden Gestalt geträumt, die Lumi heisst und mir meinen grössten Wunsch zu Weihnachten erfüllt hat“, sprudelt es aus Hannah. Hannahs grössten Wunsch kenne ich, den hat sie mir schon mal verraten: Sie wünscht sich, nicht mehr im Kinderheim leben zu müssen.

„Wer ist denn diese Lumi?“, frage ich. „Lumi ist ein Kind mit einem Mantel aus Sternen und einer Laterne, die ein magisches Leuchten hat“, antwortet Hannah. „Lumi hat mir im Traum gesagt, dass ich nicht schuld bin, dass ich nicht mehr bei Mama und Papa lebe. Und sie hat auch gesagt, dass ich stark bin und meine Augen leuchten, wenn ich fröhlich bin“, erzählt Hannah weiter. „Zum Schluss hat Lumi mir eine Kerze geschenkt. Ich durfte die Kerze am Licht ihrer Laterne anzünden und dann hat meine Kerze auch so geleuchtet.“

Ich bemerke, dass jetzt auch Hannahs Augen zu leuchten beginnen. „Ich hätte gerne so eine Lumi-Kerze“, flüstert Hannah mir zu. „Warum denn?“, frage ich. „Damit ich sie anzünden kann und das Licht der Laterne sehen könnte. Das hat so ein warmes Gefühl in meinem Bauch ausgelöst “, sagt sie und guckt auf ihre Schuhe.

Am nächsten Morgen hat mir Hannah wieder ein Zettelchen geschickt: „Hallo Frederik. Ich habe eine Idee, damit die anderen Kinder im Heim zu Weihnachten auch so ein warmes Gefühl haben: Wir spielen Lumi für sie und bringen ihnen Kerzen.“

„Super Idee! Treffen wir uns heute Nachmittag bei mir?“, schreibe ich zurück und hoffe, dass Hannah meine krakelige Schrift lesen kann.

Nach dem Mittagessen steht Hannah vor meiner Tür und grinst mich an. Wir gehen in mein Zimmer und basteln aus einem alten Bettbezug zwei Umhänge. Einen für mich und einen für Hannah. Dann schneiden wir Sterne aus Goldpapier aus. Das ist gar nicht so einfach. Aber mit der Zeit sehen die Sterne ganz gut aus und wir kleben sie an unsere Mäntel. Zwei Laternen finden wir schliesslich im Keller.

Nun brauchen wir erstmal eine Pause. Zum Zvieri gibt’s Müsli. Und wie immer klaut mir Hannah meine Cornflakes. „Woher bekommen wir denn jetzt noch so viele Kerzen?“, fragt Hannah mit vollem Mund. „Gute Frage“, antworte ich und laufe zur Schublade, wo meine Mama die Kerzen aufbewahrt. Da ist aber nur eine einzelne drin. Daneben liegt noch eine Schachtel mit ein paar Wachsresten.

„Wir sammeln Wachsreste und machen einfach selbst Kerzen“, rufe ich. „Jaaa, super Idee“, sagt Hannah und lacht. Meine Mama verspricht uns, zu helfen, sobald wir genügend Wachs gesammelt haben.

Und so laufen wir durch unser Quartier und klingeln an allen Türen. „Hallo Frau Oberholzer, wir sammeln Wachsreste für Lumi, um anderen Kindern ein Licht zu schenken“. „Wer ist denn Lumi?“, frägt uns Frau Oberholzer zurück. „Lumi ist ein Kind, das allen Kindern Licht bringt, wenn sie es gerade brauchen“, erklärt Hannah stolz. „Mit Sternenmantel und einer Laterne bringt sie Kindern eine Kerze und sagt ihnen, was sie gut können.“

Frau Oberholzer lächelt und geht ins Haus, um Wachsreste zu suchen. „Vielleicht könnt ihr diese Bänder auch gebrauchen, um die Komplimente drauf zu schreiben?“, fragt sie uns und streckt uns eine Kartonschachtel mit Wachsresten und farbigen Bändern entgegen. „Danke vielmals“, sagen Hannah und ich gleichzeitig und rennen weiter zur nächsten Tür.

Am Abend haben wir genug Reste zusammen, doch Hannah muss zurück ins Kinderheim. Ich begleite sie und merke, dass sie mir wehmütig hinterherschaut, als ich nach Hause laufe. Zuhause angekommen, kann ich kaum erwarten, bis es Wochenende ist, um mit Hannah die Kerzen zu machen.

Heute ist es endlich soweit! Mit Mamas Hilfe schmelzen Hannah und ich die Wachsreste ein und machen daraus neue Kerzen. Hannah und ich haben fast keine Geduld, bis sie alle endlich getrocknet sind. „Wow“, ruft Hannah – und ich sehe wieder dieses Leuchten in ihren Augen. „Die sind ja richtig schön geworden!“

Später an diesem Abend, nachdem Hannah schon längst gegangen ist, ruft mich meine Mama ins Wohnzimmer. Sie sitzt neben Papa auf dem Sofa. Es scheint etwas Ernstes zu besprechen zu geben. Ich durchforste mein Hirn: Hab ich wieder irgendwas angestellt? Gestern habe ich ein Weihnachtsplätzchen aus der Dose geklaut. Aber das reicht normalerweise nicht für so ein Gespräch. „Wir haben da eine Idee, die wir gerne mit dir besprechen möchten“, starten sie: „Du weisst ja, dass Hannah im Kinderheim traurig ist und am liebsten wieder bei ihren Eltern wohnen würde.“ „Ja“, antworte ich.

„Wir haben mit den Leuten im Kinderheim gesprochen und angeboten, dass wir Hannah bei uns aufnehmen könnten, solange bis ihre Mama wieder gesund ist.», fährt mein Papa fort. „Jaaaaaaaaa“, rufe ich voller Begeisterung. „Nicht so schnell, Frederik», meint Mama. «Wir möchten, dass wir uns alle drei ganz sicher sind, dass Hannah Teil unserer Familie werden kann.“ „Ja, ich will. Ich will, ich will, ich will“, rufe ich immer noch ganz aus dem Häuschen. Meine Eltern erklären mir noch eine ganze Menge und fragen mich immer wieder, aber für mich ist klar: Ich will, dass Hannah bei uns einzieht. Zum Schluss muss ich noch versprechen, dass ich Hannah nix verrate. Kein Sterbenswörtchen. Denn um Hannahs Pflegefamilie zu werden, muss noch einiges geklärt werden. „Das wird schwierig, ihr nichts zu verraten“, denke ich mir später noch, während ich einschlafe.

Heute besuche ich Hannah im Kinderheim. Wir fragen alle Betreuer*innen nach den Talenten der Kinder. Zwanzig-Mal schreiben sie uns etwas nettes auf die farbigen Bänder von Frau Oberholzer. „Habt ihr noch zwei Zettel mehr?“, frägt uns Rebekka, Hannahs Lieblingsbetreuerin am Schluss. Wir geben ihr ein gelbes und blaues Band und schauen sie fragend an. „Für euch gibt es natürlich auch noch Komplimente“, lächelt sie und reicht uns die beschrifteten Bänder. Auf meinem steht: „Frederik, du bist ein guter Freund, grosszügig und lustig.“ Und bei Hannah: „Hannah, du bist sehr kreativ, hilfsbereit und sehr stark.“ Wir besprechen mit Rebekka noch, wann wir als Lumi’s verkleidet die Kinder im Heim überraschen dürfen. „Wie wäre es mit dem 21. Dezember?“, schlägt Rebekka vor. „Das ist der kürzeste Tag im Jahr, da können wir doch alle ein bisschen Licht gebrauchen. In der Zeit sind viele Kinder traurig, weil sie ihre Familien vermissen, gerade so kurz vor Weihnachten.“

Plötzlich schluchzt Hannah los: „Rebekka, wann darf ich denn wieder zu meiner Mama zurück?“. Rebekka nimmt sie in den Arm und tröstet sie. Ich stehe unbeholfen daneben. Bis mir wieder in den Sinn kommt, dass Hannah vielleicht ja bald bei uns leben darf. Letztens hat uns eine Frau besucht, die lange mit mir und meinen Eltern gesprochen hat. Sie wollte wissen, ob wir wirklich Hannahs Pflegefamilie werden möchten. Ich habe ihr gesagt, dass ich das immer noch sehr toll fände. Ich glaube, sie mochte mich.

Die Zeit, bis Hannah und ich uns endlich als Lumi’s verkleiden und die Kinder im Heim überraschen können, zieht sich unendlich dahin. Ein paar Tage vorher besucht mich Hannah für die letzten Vorbereitungen. Bei der Begrüssung umarmt sie mich stürmisch und erzählt: «Rebekka hat gesagt, dass ich vielleicht bei euch einziehen darf». Sie strahlt mich an und ich setze mit in den Jubel ein. Endlich keine Geheimniskrämerei mehr. Wir malen uns aus, was wir alles zusammen aushecken können, und ich zeige ihr das Zimmer, wo sie vielleicht bald leben wird. Später packen wir alle 20 Kerzen und die Bänder in einen Korb. Wir probieren nochmals unsere Umhänge. Stolz stehen wir in meinem Zimmer und Hannah sagt: „Lumi, wir sind bereit».

Am 21. Dezember frühmorgens wecken mich meine Eltern, obwohl ich eigentlich schon Ferien habe. „Komm Frederik, wir haben heute einen Termin im Kinderheim“. Ich bin sofort hellwach. „Geht es darum, dass Hannah hier einzieht?“, frage ich. „Ja, genau“, schmunzelt Mama.

Gleich nach dem Frühstück gehen wir ins Kinderheim. Dort treffen wir auf Rebekka, die gerade eine andere Frau begrüsst. Sie heisst Anita und stellt sich als Beiständin von Hannah vor. Auch Hannahs Eltern sind da. Ihre Mama ist ziemlich blass und sieht sehr traurig aus. Ihr Vater ist noch nicht da, er ist wie immer zu spät.

Anita erklärt uns: «Hannah wird erstmal ein Wochenende bei euch verbringen. Wenn das klappt, kommt sie für eine Woche und wenn das auch gut läuft, zieht sie ganz bei euch ein.“ Die Erwachsenen reden weiter und weiter. Ich schaue aus dem Fenster. „Es schneit!“, rufe ich plötzlich. Kurz wird es still im Raum und dann meint Anita lächelnd: «Kinder, geht doch schon mal raus und geniesst den Schnee, während wir Erwachsenen noch etwas weiterreden.» Das braucht sie nicht zweimal zu sagen. Ich stürme hinaus. Hannah dreht sich noch einmal zu ihren Eltern um und folgt mir dann.

Als ich sie im Schneegestöber sehe, ist ihr Gesicht tränenüberströmt. Sie freut sich bestimmt auch so sehr, denke ich mir und wirble durch die Flocken. Aber Hannah läuft zu einem Baum und schluchzt vor sich hin. Ich frage sie besorgt: «Was hast du denn, Hannah?».

«Ach, ich bin so doof. Jetzt, wo ich mich einfach nur freuen sollte, dass ich bei dir wohnen darf, bin ich so traurig, dass es nicht mehr wie früher ist und ich nicht mit Mama und Papa nach Hause gehen kann.» Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. «Warum kann ich mich denn jetzt nicht einfach nur freuen?». Ich stehe eine Weile da und denke nach. «Ich kann das verstehen. Ich glaube, das ist ganz normal, dass du am liebsten bei deiner eigenen Familie leben möchtest... Ich freue mich trotzdem sehr, dass du bald bei uns wohnen darfst. Und deine Mama wird bestimmt bald wieder gesund.» Hannah schaut mich lange an und ich sehe, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht abzeichnet. «Du hast recht. Bis ich wieder bei Mama leben kann, freu ich mich, dir jeden Morgen die Cornflakes zu klauen.» Jetzt lacht sie laut los.

Kurz darauf kommen meine Eltern raus. Hannah verabschiedet sich mit einer grossen Umarmung von mir, Mama und Papa. Jetzt strahlt sie uns richtiggehend an. «Bis heute Abend!» ruft sie mir noch hinterher. Mit erleichtertem Herzen und grosser Vorfreude auf Hannah’s Einzug und auf unsere Überraschung heute Abend im Kinderheim spaziere ich mit meinen Eltern durch das Schneegestöber nach Hause.

Um fünf treffe ich Hannah im Park direkt neben dem Kinderheim. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Wir ziehen uns die Sternenmäntel über und stapfen durch den Schnee zur Tür und klopfen. „Hallo, wir sind Lumis und kommen, um allen Kindern ein bisschen Licht zu schenken.“ Rebekka begleitet uns von Wohngruppe zu Wohngruppe. Abwechselnd reichen ich und Hannah die Kerzen an die Kinder. Alle dürfen ihre Kerzen an unseren Laternen anzünden. Die Kinder freuen sich und bestaunen unsere glitzernden Mäntel. Auch überreichen wir ihnen die Bänder mit den Komplimenten. Rebekka liest sie den Kindern vor, die noch nicht lesen können. Sie lächeln oder gucken ganz verlegen. Aber ihre Augen beginnen alle zu leuchten, das habe ich genau gesehen.

Am Abend liege ich unter meiner Bettdecke und fühle ein ganz warmes Gefühl im Bauch. Vielleicht dasselbe, was Hannah spürte, als sie von Lumi geträumt hatte? «Hannah wird bald hier einziehen», denke ich froh. Manchmal passieren Wunder an Weihnachten. Und manchmal davor oder danach. Hauptsache sie passieren. Ich schlafe zufrieden ein.

Als Hannah ein paar Monate später endlich ganz bei uns eingezogen ist, schleicht sie sich am Abend zu mir ins Zimmer. „Frederik, bist du noch wach?“, flüstert sie. „Jaah“, gähne ich. Sie setzt sich auf mein Bett und schaut mich ganz ernst an. „Lass uns auch nächstes Weihnachten wieder Lumi spielen und den Kindern, die noch im Kinderheim sind, wieder eine Kerze bringen“, flüstert sie. «Die Kerzen, die wir ihnen gebracht haben, sind bestimmt schon heruntergebrannt.“ „Das ist eine sehr gute Idee, Hannah“, antworte ich. „Gute Nacht, Frederik“, flüstert sie, bevor sie sich wieder zurück in ihr neues Kinderzimmer schleicht.

Kurz darauf höre ich, wie Mama und Papa die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer gehen. „Danke Lumi“, flüstere ich in die Dunkelheit, „dass du Hannahs Wunsch erfüllt hast.“

Geschrieben und illustriert von: Michelle Bucher / Copyright: Kovive

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