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Wie sieht ein Engagement als Entlastungsfamilie aus?

14.07.2025 | Redaktionsteam: Johanna Müller, Michelle Bucher

Sandra Bengel* engagiert sich seit 2002 für Kovive. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie Kovive-Entlastungsfamilie wurde, was sie durch ihr Engagement gelernt hat und warum sie sich seit Jahren für armutsbetroffene Kinder in der Schweiz einsetzt.

Sandra, du, dein Mann und deine drei Töchter (14-21-jährig) bieten sozial und finanziell benachteiligten Kindern in der Schweiz ein zweites Zuhause. Warum engagiert ihr euch als Familie für diese Kinder?

Menschen liegen mir am Herzen, Kinder ganz besonders. Zeit meines Lebens habe ich mich für benachteiligte Menschen engagiert. Es ist mir ein inneres Bedürfnis zu teilen – Zeit, Glück und von dem, was wir ausreichend haben und andere zu wenig. Im Rahmen unserer Möglichkeiten möchten wir hier in der Schweiz mithelfen für ein solidarisches Miteinander und gelebte Nächstenliebe.

Zudem möchten wir als Familie folgende Grundwerte im Alltag leben und unseren Kindern mitgeben: Solidarität, Nächstenliebe, Gastfreundschaft und Teilen. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass ein Teil unserer inneren Werte in sichtbare Taten umgesetzt werden

Ihr habt seit 2002 Kovive-Kinder in eure Familie aufgenommen. Welchen Prozess habt ihr durchlaufen, um Entlastungsfamilie bei Kovive zu werden?

Angefangen haben wir als sogenannte Gastfamilie, die Kindern aus dem Ausland für ein paar Wochen in den Sommerferien ein Zuhause geboten haben. Seit 2018 vermittelt Kovive nur noch Kinder aus der Schweiz und das Abklärungsverfahren ist sehr professionell aufgegleist.

Für dieses Abklärungsverfahren haben wir unsere Lebensläufe, ein Motivationsschreiben und einen Fragebogen abgegeben. Danach gab es ein Erstgespräch, in dem auch die eigene Biografie, die familiäre Situation und die Wohnsituation Thema waren. Im Zweitgespräch sind die sozialpädagogischen Mitarbeitenden von Kovive zu uns nach Hause gekommen und haben mit der ganzen Familie gesprochen.

Danach ist man vorerst im Pool von Familien aufgenommen und anschliessend wird man kontaktiert, sobald eine passende Kinderanfrage reinkommt über Kovive.

Im Dezember 2021 fand dann ein Kennenlerntreffen bei uns zu Hause statt. Dabei waren die beiden Kinder, der Vater, die Beiständin, die Fallführende von Kovive und unsere gesamte Familie anwesend. Kurze Zeit später planten wir ein Probewochenende. Daraufhin entschieden sich beide Seiten für den gemeinsamen Weg und das Setting mit Emma* & Paul* wurde aufgegleist.

Ihr habt schon unterschiedliche Kinder bei euch aufgenommen. Wie ist das für euch und eure Töchter, Kinder für Wochenenden aufzunehmen mit dem Wissen, dass die Betreuung eines Tages wieder beendet werden könnte?

Wir sind uns von Anfang an bewusst gewesen, dass es in dieser Form eine Beziehung auf Zeit ist. Wir verstehen uns als Wegbegleiter für einen gewissen Lebensabschnitt. Im Idealfall haben wir mitgeholfen, dass die Kinder eine Resilienz entwickeln konnten, um ihr Leben meistern zu können. Es ist doch ein bisschen so wie bei den eigenen Kindern, irgendwann ist der Zeitpunkt reif, vertrauensvoll und in Dankbarkeit loszulassen.

Was brauchen diese Kinder eurer Erfahrung nach und was könnt ihr als Entlastungsfamilie bieten?

Die Kinder brauchen Struktur, Stabilität und einen Rhythmus im Alltag. Wir bieten ihnen ein stabiles Familiensystem mit alledem. Zudem auch jede Menge Anerkennung und Wertschätzung. “Du und deine Bedürfnisse sind mir wichtig, ich interessiere mich für dich”, das versuchen wir zu vermitteln und ihre Stärken hervorzuheben. Wir ermöglichen ihnen schöne Momente und glauben fest daran, dass viel Freude viel Belastung trägt.

Seit 2021 kommen Paul* und Emma* regelmässig zu euch. Wie oft und warum sind die Kinder bei euch?

Zu Beginn waren sie mindestens zwei Wochenenden pro Monat und während drei Ferienwochen bei uns, was insgesamt 177 Betreuungstage im Jahr waren. Da die Kinder unterdessen Teenager sind und der Kontakt zur Mutter ausgebaut werden konnte, kommen sie etwas weniger häufig.

Der alleinerziehende Kindsvater kam mit der Betreuung der Kinder an seine Grenzen, daher hat die zuständige Beiständin nach einer Entlastungsmöglichkeit gesucht. Der Kindsvater bekommt durch die freien Wochenenden Zeit für sich, um neue Energie zu tanken. Die Kinder bekommen durch die Entlastungswochenenden beispielsweise die Möglichkeit neue Beziehungen aufzubauen.

Ihr steht in engem Kontakt mit dem Kindsvater, wie läuft die Organisation ab?

Die Organisation funktioniert sehr gut. Wir sprechen uns regelmässig ab und planen die kommenden Wochenenden jeweils im Voraus. So hat der Vater und auch wir Planungssicherheit und auch die Kinder wissen bereits im Voraus, wann sie Wochenenden bei uns verbringen. Die Zusammenarbeit mit dem Vater basiert auf viel Vertrauen und Wertschätzung. Er nimmt meine Anregungen auf und bespricht wichtige Entscheidungen oder Vorkommnisse.

Wie verändert sich euer Alltag, wenn Paul und Emma kommen?

Wenn die Kinder fürs Wochenende am Freitagabend ankommen, liegt ein Willkommenskärtli und Schöggeli auf dem Kopfkissen. Es gibt dann ein gemeinsames Znacht am Familientisch. Am Montagmorgen gehen sie direkt von hier zur Schule. In den Ferien bringen wir zusätzliche Struktur ein, erfragen ihre Wünsche und Bedürfnisse, erstellen einen Wochenplan und holen am Ende der Ferien Feedback ein.

Wie hat das Engagement als Entlastungsfamilie dich und euer eigenes Familienleben beeinflusst?

Von Beginn weg stellte ich fest, dass mich herausfordernde Situationen interessieren. Es ist mir ein Anliegen, dass ich ihnen kompetent begegne. Ich versuche Wissen, Methoden und Erfahrungen zu kombinieren und Lösungen herbeizuführen. Seit Anfang des Settings sprechen wir in der Familie regelmässig über den Umfang und die Aufgaben als Entlastungsfamilie. Wir tragen Erfahrungen zusammen und überlegen, wie wir anspruchsvollen Situationen begegnen können.

Du sprichst von anspruchsvollen Situationen, hast du Beispiele, was herausfordernd ist?

Es gibt einige unlösbare Geschwisterkonflikte. Paul und Emma zeigen oft auch keinen Zugang zu ihrem Innenleben und haben auch keine Ausdrucksmöglichkeit für Erlebtes. Manchmal fehlen ihnen einfach die Worte. Im Weiteren bedaure ich, dass es bis heute sehr schwierig ist, sie in eine Einzelbeschäftigung zu führen, dies, obwohl wir vieles ausprobiert haben und ein umfangreiches Angebot zur Verfügung stehen würde. Von Beginn weg war es mir ein grosses Anliegen Tätigkeiten zu finden, die sie begeistern und die sie für sich ausführen können.

Gibt dir das Engagement auch etwas zurück?

Ja, auf jeden Fall. In den zwischenmenschlichen Beziehungen passiert auch meine persönliche Entwicklung (Wechselwirkung!). Zudem durften wir als Familie mehrfach die Erfahrung machen, dass der ‘Familienzuwachs’ auch ein ‘Zuwachs’ an intensiven familiären Momenten ist und ein Entwicklungspotential für alle bietet.

Wie läuft die Zusammenarbeit im Alltag mit Kovive ab?

Die regelmässigen Gespräche mit Kovive sind sehr professionell, konstruktiv und für mich ausnahmslos ein Gewinn. Sie begünstigen eine positive Entwicklung. Hinweise und Eindrücke werden von der sozialpädagogischen Mitarbeiterin aufgenommen und wo Handlungsbedarf besteht, wird dieser eingeleitet.So wurde beispielsweise eingefädelt, dass Paul eine Therapie mit Pferden machen durfte. Nie habe ich den Eindruck, dass etwas versandet oder bagatellisiert wird.

Einmal im Jahr gibt es zusätzlich einen Erfahrungsaustausch, in dem alle Betreuungspartner*innen - also alle Entlastungs- und Pflegefamilien von Kovive - zusammenkommen und einen professionellen Input erhalten.Auch ein Weiterbildungsangebot von der Fachstelle für Pflegefamilien erhalten wir durch das Engagement bei Kovive.

Wer eignet sich deiner Meinung nach als Entlastungsfamilie?

Diese Kinder brauchen Menschen, die vertraut, verlässlich und verfügbar sind. Egal ob Einzelperson, als Paar mit oder ohne Kinder oder als Grosseltern, es können sich alle engagieren, solange Interesse, Zeit und Kapazität vorhanden sind, sich vertieft auf ein Kind einzulassen. Wichtig ist zudem, eine stabile persönliche und familiäre Situation zu haben. Hilfreich ist auch, das eigene Verhalten zu reflektieren und eine lernende Haltung zu haben.

Hast du noch ein finales Statement?

Es braucht nur eine Person, die an einen glaubt, um Krisen zu bewältigen und eine Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) zu entwickeln.

Herzlichen Dank, liebe Sandra, für deine Offenheit und deine Zeit.

*Namen durch die Redaktion geändert

Interesse am Engagement als Entlastungsfamilie?

Wir suchen Menschen wie Sandra, die Kindern ein zweites Zuhause bieten. Wenn auch Sie Interesse haben, sich als Entlastungsfamilie zu engagieren, melden Sie sich zu einem kostenlosen und unverbindlichen Gespräch oder machen Sie unser Quiz, um herauszufinden, welches Engagement sich für Sie persönlich eignet.