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Bindung bei Kindern: Warum sie so wichtig ist

07.11.2025 | Redaktionsteam: Vanessa Käser, Veronika Bayer, Michelle Bucher

“Bindung ist die Basis”, sagt Vanessa Käser, Sozialpädagogin bei Kovive. Sie erklärt, wie wichtig eine sichere Bindung in den ersten Lebensjahren ist und wie sich diese Erfahrungen auf unser ganzes Leben auswirken. Doch was genau ist Bindung und wie entsteht sie?

Bindung – eine Definition

Wenn Säuglinge auf die Welt kommen, sind sie erst einmal nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen. Sie sind darauf angewiesen, dass jemand diese Bedürfnisse versteht und ihnen gibt, was sie brauchen. Dadurch entsteht nach und nach eine Bindung zwischen dem Kind und der Bezugsperson. Oder in den Worten von der Expertin für Kinder- und Jugendhilfe Kitty Cassée: “[Bindung] ist das gefühlsmässige Band, das sich zu jener Person entwickelt, die Sicherheit vermittelt.”

Wie entsteht eine sichere Bindung?

Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby fand heraus, dass Bindung wie Schlaf oder Essen ein biologisches Grundbedürfnis ist. Daraus entwickelte er die Bindungstheorie, die kurz zusammengefasst besagt, dass je nach Bindungserfahrungen im Kindesalter unterschiedliche Entwicklungen gefördert werden.

Damit eine sichere Bindung entstehen kann, braucht ein Kind mindestens eine Bezugsperson, welche verlässlich, verfügbar und vertraut ist. Zudem ist es wichtig, dass diese Person die kindlichen Bedürfnisse versteht, feinfühlig ist und schnell auf die Signale des Kindes reagiert. Beispielsweise lernt ein Kind, dass es sicher ist und verstanden wird, wenn seine Mutter es tröstet, wenn es weint. Diese starke und sichere Bindung gibt dem Kind das Vertrauen, die Welt zu erkunden (Exploration). Denn es weiss, dass es immer die sichere Basis gibt, zu der es zurückkehren kann.

Die vier Bindungstypen

Wenn eine Bezugsperson die oben genannten Punkte erfüllt, spricht man von einer sicheren Bindung. Wenn die Bezugsperson dem Kind diese sichere Bindung nicht bieten kann, unterscheidet man drei weitere Bindungstypen, die allesamt unsicher sind. So ergeben sich insgesamt die vier Bindungstypen:

  • Sicher
  • Unsicher/vermeidend
  • Unsicher/ambivalent
  • Unsicher/desorganisiert

Unsichere Bindungen können beispielsweise entstehen, wenn ein Kind bei einem psychisch kranken Elternteil aufwächst. Die Bedürfnisse des Kindes werden immer wieder zurückgewiesen, wodurch sich das Kind allein gelassen fühlt. Es lernt, dass egal wie fest es sich meldet, seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Also meldet es sich irgendwann gar nicht mehr und unterdrückt die eigenen Bedürfnisse. Dieses Kind hat eine unsicher/vermeidende Bindung. Es vermeidet den Kontakt mit der Bezugsperson, um das Gefühl, des Zurückgewiesen-Seins zu umgehen.

Unsicher/ambivalent gebundene Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass die Bezugsperson nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar da war. Der wiederkehrende Wechsel von feinfühligem und abweisendem Verhalten der Bezugsperson führt dazu, dass das Kind ständig Bindung sucht. Es will einschätzen, in welcher Stimmung die Bezugsperson gerade ist. Gleichzeitig kann es aber auch abweisend reagieren, weil es durch die erlebte Abweisung nebst Angst auch Wut empfindet.

Unsicher/desorganisierte Bindungen zeigen sich dadurch, dass ein Kind mit verschiedenen Strategien reagiert, beispielsweise einfrieren oder emotionslos sein. Hier ist das Kind von einer Bezugsperson abhängig, die es manchmal bedroht und manchmal umsorgt. Ein solches Bindungsmuster kann auch entstehen, wenn die Bezugsperson traumatisiert ist.

Bindung und Verhaltensweisen

Die Art, wie Bezugspersonen sich um uns gekümmert haben, schreibt sich in unserem Gehirn fest. Sie beeinflusst, wie wir selbständig werden und wie wir mit anderen in Beziehung treten. Die Bindungstypen haben einen Einfluss auf unser Verhalten. Wenn ein Kind beispielsweise in der Schule aggressiv und laut ist, hat es eventuell nicht gelernt adäquat in Beziehung zu treten. Es hat stattdessen gelernt, dass es abgelehnt oder ignoriert wird. Zuhause hat die Bezugsperson vielleicht erst reagiert, wenn es aggressiv und laut geworden ist. Anstatt andere Kinder nett zu fragen, ob sie Lust haben zum Spielen, hat dieses Kind versucht, sein Bedürfnis nach Bindung mit den gleichen Strategien wie zuhause zu befriedigen.

Das läuft nicht bewusst ab. Es ist deswegen sehr wichtig zu verstehen, dass auch hinter solchen Verhalten einfach ein Bedürfnis stecken kann. Gemeinsam mit dem Kind kann man herausfinden, wie es dieses befriedigen kann (ohne, dass jemand leidet).

Tipp: Folgende Fragen können helfen, Bedürfnisse hinter einem Verhalten aufzudecken:

  • Was für ein Verhalten zeigt mein Kind gerade auf?
  • Kann ich, statt zu sanktionieren, versuchen hinter das Verhalten zu schauen?
  • Welches Bedürfnis könnte mein Kind hinter dem Verhalten gerade verspüren?
  • Kann ich dieses Bedürfnis versuchen zu stillen?
  • Was würde dem Kind helfen, um sich jetzt besser zu fühlen?
  • Kann ich gerade mit dem Kind über seine Bedürfnisse sprechen?
  • Wie könnte ich oder jemand anderes dem Kind jetzt helfen?

Mit den Antworten können gemeinsam mit dem Kind neue Strategien entwickelt werden.

Ein Kind tut also nicht mühsam, weil es mühsam ist, sondern weil es momentan keine andere Strategie hat, sein Bedürfnis zu zeigen. Anstatt auf das Verhalten zu reagieren (z.B. mit Sanktionen), können Erwachsene Übersetzer für die Bedürfnisse des Kindes sein. So wird man als Bezugsperson auch (wieder) handlungsfähig. Weitere Tipps zur Stärkung der Beziehung zu einem Kind, gibt es in diesem Artikel.

«Es ist mir ein wichtiges Anliegen, deutlich zu machen, dass kindliches Verhalten Ausdruck eines dahinterliegenden Bedürfnisses ist. Anstatt auf das Verhalten zu reagieren, sollten wir lernen, das Bedürfnis dahinter zu erkennen und darauf einzugehen.» - Vanessa Käser, Sozialpädagogin bei Kovive

Wie Bindungsmuster uns ein Leben lang begleiten

Menschen greifen in Stress- oder Angstsituationen auf die frühen Bindungserfahrungen zurück. Wer mit einer sicheren Bezugsperson aufgewachsen ist, hat meist auch bessere soziale und kommunikative Fähigkeiten und einen höheren Selbstwert. Sicher gebundene Menschen entwickeln Vertrauen und können sich gut auf Beziehungen mit anderen Menschen einlassen. Umgekehrt fällt all dies unsicher gebundenen Menschen schwerer. So kommt es häufig vor, dass unsicher gebundene Erwachsene selbst Schwierigkeiten haben, eine sichere Bindung mit ihrem Kind aufzubauen.

“Bindungserfahrungen in früher Kindheit bilden das Grundmuster für die Beziehungsgestaltung zu anderen Personen. Aber auch weitere Entwicklungsbereiche wie die soziale, kognitive, [...] und moralische Entwicklung werden durch die Erfahrung sicherer Bindung gefördert. “ - Kitty Cassée (Kompetenzorientierte Methodiken, S.121)

Das Thema Bindung bei Kindern, die durch Kovive begleitet werden

Viele Kinder, die wir bei Kovive in unseren Betreuungsangeboten begleiten, haben erstmal unsichere Bindungserfahrungen gesammelt. Kovive bemüht sich, gute und starke Betreuungspartner*innen auszusuchen, die eine sichere Bindungen gewährleisten können und den Kindern so korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Dies geschieht durch eine detaillierte Abklärung, Gespräche und Weiterbildungen. In der Beratung mit unseren Sozialpädagoginnen ist das Thema allgegenwärtig. Die Betreuungspartner*innen werden ermutigt, immer wieder positive Beziehungsangebote zu machen.

Ein zweites Zuhause bieten

Möchten auch Sie sozial benachteiligten Kindern ein liebevolles zweites Zuhause bieten? Wir sind immer auf der Suche nach Betreuungspartner*innen, die ein Kind für einen Stück ihres Lebensweges begleiten. Alle Infos zu diesem Engagement erfahren Sie hier.